Präventionstage ersetzen die Kindkranktage und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
Die starke lohnarbeitszentrierte Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme benachteiligt strukturell Personen mit hoher unbezahlter Sorgeverantwortung – überwiegend Frauen – und trägt damit zu Ungleichheit, gesundheitlicher Belastung und eingeschränkter Erwerbsfreiheit bei. Wir haben die Zielsetzung, Care-Arbeit gesellschaftlich anzuerkennen und gesundheitliche Prävention stärker zu fördern.
Vor diesem Hintergrund sehen wir die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Kindkranktage kritisch. Wir möchten uns für eine höhere Flexibilität einsetzen und damit eine familienfreundliche und diskriminierungsfreie Arbeitsumgebung sicher stellen.
Reformvorschlag:
Wir schlagen ein Kontingent von 10 Präventionstagen/ Jahr (mindestens 24 Erwerbsarbeitsstunden/Woche) vor. An diesen Tagen gilt vollständige zeitliche und örtliche Flexibilität, keine Erreichbarkeits- und Leistungspflicht und keine Arbeitszeiterfassung. Es bedarf lediglich einer Meldung beim Arbeitgeber ohne Angabe von Gründen (vergleichbar mit Krankmeldung).
Boni: Bei der Ausübung eines gewählten unbezahlten Ehrenamtes (z.B. Vorstand, Kassenprüfer) gibt es fünf zusätzliche Tage. In Berufsfeldern mit hoher körperlicher und/oder psychischer Belastung gibt es je fünf weitere Tage. Wer nachweislich unbezahlte Sorgeverantwortung (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen) trägt, erhält je Kind fünf weitere Tage bzw. bei Pflegegrad 2 und 3 fünf Tage und bei Pflegegrad 4 und 5 zehn zusätzliche Tage.
Beispiel A: Eine Bankmitarbeiterin (Basis: 10 Tage) von zwei Kinder (+ 2×5 Tage) engagiert sich als Vorstand im Kitaverein (+ 5 Tage). Sie hätte einen Anspruch auf 25 Präventionstage/ Jahr.
Beispiel B: Ein Bauarbeiter (Basis: 10 Tage + 5 Tage (körperliche Belastung)) ist kinderlos und engagiert sich als Kassenprüfer im Sportverein (+ 5 Tage). Er hätte Anspruch auf 20 Präventionstage/ Jahr.
Beispiel C: Eine Pflegekraft (Basis: 10 Tage + 10 Tage (körperliche und psychische Belastung)) hat ein Kind (+ 5 Tage). Diese Person hätte Anspruch auf 25 Präventionstage/ Jahr.
Jede/r Arbeitnehmer/in hat über eine App Zugriff auf Unterlagen bzw. Videos zu vielseitigen Themen (Sucht, Konflikte, Sexismus, Rassismus, Kommunikation, gesunde Ernährung, mentale Gesundheit, Mobbing, Demokratie, Umweltschutz). Für jeweils sechs Monate wählt man ein Fokusthema und trifft sich einmal im Monat digital oder in Präsenz in einer Gruppe zum Austausch über das Thema. Die Moderation übernehmen Studierende höherer Semester. Durch die regelmäßige Teilnahme schaltet man das Kontingent für das nächste Jahr frei.
Vorschlag: Anspruch auf bezahlte Präventionstage bis 200 % des Medianeinkommens. Die Grenze läge aktuell bei ca. 108.100 € Bruttojahresgehalt.
Warum diese Kappungsgrenze?
Damit nimmt man alle Team- und Abteilungsleiter mit. Das sind genau die Menschen, die die Transformation in den Betrieben operativ steuern müssen. Wer Verantwortung übernimmt, soll durch Präventionstage geschützt werden, damit die Innovationskraft erhalten bleibt. Erst oberhalb von 100k beginnt statistisch gesehen das „obere Management“ und die Gruppe der Top-Verdiener. Dort ist die Eigenvorsorgekapazität unbestritten: Wer deutlich über dem Median verdient, verfügt meist über Berufe mit höherer Zeitsouveränität oder die finanziellen Mittel, Gesundheitsprävention privat zu organisieren.
Vorteile:
- Boost für Innovation und Kreativität
Innovation entsteht selten unter Zeitdruck am Schreibtisch. Wenn der Kopf „frei“ gelassen wird, aktivieren wir das sogenannte Default Mode Network im Gehirn.
Inkubationszeit: Beim Spazierengehen oder bei selbstbestimmter Arbeit können sich lose Gedanken zu neuen Lösungen verknüpfen.
Perspektivwechsel: Ohne den Tunnelblick des Tagesgeschäfts trauen sich Mitarbeiter eher, radikal neue Ansätze für bestehende Projekte zu finden.
2. Maximale Konzentration ohne Ablenkung
Der „Open-Office-Fluch“ oder ständige Slack-Benachrichtigungen killen jede tiefe Arbeit (Deep Work).
Flow-Zustand: Ein Tag ohne Meetings und E-Mails ermöglicht es, komplexe Probleme endlich zu Ende zu denken.
Effizienz: Was an einem solchen Tag geschafft wird, dauert im normalen Büroalltag oft drei bis vier Tage, weil die ständigen Kontextwechsel wegfallen.
3. Steigerung der Motivation und Eigenverantwortung
Selbstbestimmung ist einer der stärksten psychologischen Motivatoren (Autonomie).
Vertrauensbeweis: Wenn das Unternehmen sagt: „Ich vertraue dir, dass du deine Zeit sinnvoll nutzt“, steigt die Loyalität und das Engagement massiv.
Self-Efficacy: Das Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Arbeitsprozess zu haben, reduziert Stress und erhöht die Arbeitszufriedenheit.
4. Prävention und psychische Gesundheit
Entschleunigung: Ein Spaziergang während der Arbeitszeit baut Cortisol ab. Wer über ein Projekt nachdenkt, während er sich bewegt, ist danach mental erfrischter als nach acht Stunden Starren auf den Monitor.
Burnout-Schutz: Diese „Atempausen“ verhindern, dass sich dauerhafter Stress festsetzt, und senken langfristig die Krankheitstage.
5. Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Work-Life-Integration)
Der Präventionstag fungiert als flexibler Puffer, der den Druck aus unvorhersehbaren Alltagssituationen nimmt. Das schafft eine enorme Erleichterung für Eltern und pflegende Angehörige.
Stressabbau bei leichten Infekten: Eltern müssen nicht zwischen „Kind krankmelden“ (mit dem Rattenschwanz an Bürokratie) und „irgendwie durchwurschteln“ wählen. Sie können den Tag selbstbestimmt so strukturieren, dass sie arbeiten, wenn das Kind schläft oder sich ruhig beschäftigt, und zwischendurch voll für das Kind da sind.
Entlastung des Gesundheitssystem: Keine unnötigen Arztbesuche nur für ein Attest bei banalen Infekten. Das schont die Kapazitäten der Kinderärzte und schützt vor Ansteckungen in vollen Wartezimmern.
Administration: Der Arbeitgeber spart sich den Verwaltungsaufwand für Krankmeldungen/Kinderkrankentage wegen Kleinigkeiten.
Mental Health: Die psychische Belastung („Mental Load“), die durch starre Strukturen entsteht, wird reduziert. Ein Mitarbeiter, der weiß, dass er im Notfall diesen Joker ziehen kann, arbeitet insgesamt entspannter und loyaler.
Diese Reform würde die Arbeitgeber und Sorgetragende entlasten.
Warum das für den Arbeitgeber ein Gewinn ist: Statt eines Mitarbeiters, der sich „kindkrank“ meldet und somit 0 % Leistung erbringen darf, gewinnt der Arbeitgeber durch den Präventionstag oft einen Mitarbeiter, der zwar zeitlich versetzt oder langsamer, aber dennoch fokussiert und dankbar arbeitet. Die Loyalität, die durch solches Vertrauen entsteht, ist unbezahlbar.
Zudem sieht unser Reformvorschlag vor, dass Arbeitgeber nicht mehr zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verpflichtet sind. Sind alle Präventionstage aufgebraucht und besteht weiterhin eine Arbeitsunfähigkeit, meldet dies der Arbeitgeber über ein Onlineportal an das Amt und es wird seitens des Staates ein Bürgergrundeinkommen in Höhe vom Mindestlohn gezahlt.
Warum das für Familien ein Gewinn ist: Durch die Einführung von Präventionstagen wäre ein deutlicher Zuwachs an Flexibilität erreicht, welche den Familien zu Gute kommt. Vor allem Mütter arbeiten in Teilzeit, da Sie nicht spontan ausfallen wollen. Irgendetwas ist immer: Die Betreuung ist nicht zuverlässig und auch Erkrankungen sind nicht planbar. Zudem ist die Beantragung von Kindkranktagen sehr aufwendig und wird daher wenig in Anspruch genommen. Durch die Präventionstage wäre eine vollzeitnahe Beschäftigung beider Elternteile schon im Kleinkindalter realisierbar.
Die übergeordnete Idee hinter dem Reformvorschlag ist: WIR WOLLEN EIN SYSTEM DAS GESUNDHEIT SCHÜTZT, ANSTATT KRANKHEIT BELOHNT!
Die Krankenkassen entwickeln sich weg von der Verwaltung von Krankheitskosten hin zu Gesundheitsvorsorgezentren. Sie kümmern sich um die Ausgestaltung der Apps in Kooperation mit den Arbeitgebern. An die Arbeitgeber (>15 Mitarbeitende) wird einmal im Jahr ein Vereinbarkeits- und Gesundheitsindex vergeben (Arbeitsplatz, DEI, Führungskultur, Arbeitskultur, Jobsharing). Arbeitgeber, welche in eine gesunde und familienfreundliche Arbeitsumgebung investieren profitieren steuerlich. Sie bekommen je Präventionstag eine Rückerstattung vom Staat.
Die Einführung der Präventionstage kann nur der Anfang sein für eine Transformation des gesamten Gesundheitssystems!
Weitere notwendige Reformen:
- Keine Zweiklassengesellschaft mehr bei der Krankenversicherung!
- Behandlung im Krankenhaus für alle Bürgerinnen und Bürger kostenlos. Die Krankenhäuser werden vollständig staatlich finanziert. Keine Abrechnung mit den Krankenkassen mehr.
- Steuern auf Zucker, Nikotin, Alkohol, Cannabis und Fleisch erhöhen. Steuern auf Bio-Grundnahrungsmittel reduzieren.