Präventionstage ersetzen die Kindkranktage und ein pauschales Abwesenheitsgeld ersetzt die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
Die starke lohnarbeitszentrierte Ausgestaltung sozialer Sicherungssysteme benachteiligt strukturell Personen mit hoher unbezahlter Sorgeverantwortung – überwiegend Frauen – und trägt damit zu Ungleichheit, gesundheitlicher Belastung und eingeschränkter Erwerbsfreiheit bei. Wir haben die Zielsetzung, Care-Arbeit gesellschaftlich anzuerkennen und gesundheitliche Prävention stärker zu fördern.
Vor diesem Hintergrund sehen wir die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und die Kindkranktage kritisch. Wir möchten uns für eine höhere Flexibilität einsetzen und damit eine familienfreundliche und diskriminierungsfreie Arbeitsumgebung sicher stellen.
Reformvorschlag:
Wir schlagen ein Kontingent von 10 Präventionstagen/ Jahr (bei einer fünf Tage Woche) vor. Bei der Ausübung eines gewählten unbezahlten Ehrenamtes (z.B. Vorstand, Kassenprüfer) gibt es 15 Tage.
Es können maximal drei Tage am Stück genommen werden. Jede/r Arbeitnehmer/in hat über eine App Zugriff auf Unterlagen bzw. Videos zu vielseitigen Themen (Sucht, Konflikte, Kommunikation, gesunde Ernährung, mentale Gesundheit, Mobbing), zudem Werbung für Veranstaltungen am Wohnort. Für jeweils sechs Monate wählt man ein Fokusthema und trifft sich einmal im Monat digital oder in Präsenz in einer Gruppe zum Austausch über das Thema. Die Moderation übernehmen Studierende höherer Semester. Durch die regelmäßige Teilnahme schaltet man das Kontingent für das nächste Jahr frei.
Sorge-Bonus: Wer nachweislich unbezahlte Sorgeverantwortung (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen) trägt, erhält ein Kontingent an 20 flexiblen Tagen bzw. 25 Tage bei der Betreuung von mindestens zwei Kindern unter sechs Jahre.
Autonomie: Vollständige zeitliche und örtliche Flexibilität an diesen Tagen; keine Erreichbarkeitspflicht. Fokussierte Arbeit im Home-Office ist auch außerhalb der sonst gängigen Kernarbeitszeiten möglich. Oder auch eine Joggingrunde oder Spaziergang im Wald. Hier können echte Innovationen entstehen…
Vorteile:
- Boost für Innovation und Kreativität
Innovation entsteht selten unter Zeitdruck am Schreibtisch. Wenn der Kopf „frei“ gelassen wird, aktivieren wir das sogenannte Default Mode Network im Gehirn.
Inkubationszeit: Beim Spazierengehen oder bei selbstbestimmter Arbeit können sich lose Gedanken zu neuen Lösungen verknüpfen.
Perspektivwechsel: Ohne den Tunnelblick des Tagesgeschäfts trauen sich Mitarbeiter eher, radikal neue Ansätze für bestehende Projekte zu finden.
2. Maximale Konzentration ohne Ablenkung
Der „Open-Office-Fluch“ oder ständige Slack-Benachrichtigungen killen jede tiefe Arbeit (Deep Work).
Flow-Zustand: Ein Tag ohne Meetings und E-Mails ermöglicht es, komplexe Probleme endlich zu Ende zu denken.
Effizienz: Was an einem solchen Tag geschafft wird, dauert im normalen Büroalltag oft drei bis vier Tage, weil die ständigen Kontextwechsel wegfallen.
3. Steigerung der Motivation und Eigenverantwortung
Selbstbestimmung ist einer der stärksten psychologischen Motivatoren (Autonomie).
Vertrauensbeweis: Wenn das Unternehmen sagt: „Ich vertraue dir, dass du deine Zeit sinnvoll nutzt“, steigt die Loyalität und das Engagement massiv.
Self-Efficacy: Das Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Arbeitsprozess zu haben, reduziert Stress und erhöht die Arbeitszufriedenheit.
4. Prävention und psychische Gesundheit
Entschleunigung: Ein Spaziergang während der Arbeitszeit baut Cortisol ab. Wer über ein Projekt nachdenkt, während er sich bewegt, ist danach mental erfrischter als nach acht Stunden Starren auf den Monitor.
Burnout-Schutz: Diese „Atempausen“ verhindern, dass sich dauerhafter Stress festsetzt, und senken langfristig die Krankheitstage.
5. Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Work-Life-Integration)
Der Präventionstag fungiert als flexibler Puffer, der den Druck aus unvorhersehbaren Alltagssituationen nimmt. Das schafft eine enorme Erleichterung für Eltern und pflegende Angehörige.
Stressabbau bei leichten Infekten: Eltern müssen nicht zwischen „Kind krankmelden“ (mit dem Rattenschwanz an Bürokratie) und „irgendwie durchwurschteln“ wählen. Sie können den Tag selbstbestimmt so strukturieren, dass sie arbeiten, wenn das Kind schläft oder sich ruhig beschäftigt, und zwischendurch voll für das Kind da sind.
Entlastung des Gesundheitssystem: Keine unnötigen Arztbesuche nur für ein Attest bei banalen Infekten. Das schont die Kapazitäten der Kinderärzte und schützt vor Ansteckungen in vollen Wartezimmern.
Administration: Der Arbeitgeber spart sich den Verwaltungsaufwand für Krankmeldungen/Kinderkrankentage wegen Kleinigkeiten.
Mental Health: Die psychische Belastung („Mental Load“), die durch starre Strukturen entsteht, wird reduziert. Ein Mitarbeiter, der weiß, dass er im Notfall diesen Joker ziehen kann, arbeitet insgesamt entspannter und loyaler.
Diese Reform würde die Arbeitgeber und Familien entlasten.
Warum das für den Arbeitgeber ein Gewinn ist: Statt eines Mitarbeiters, der sich „kindkrank“ meldet und somit 0% Leistung erbringt, gewinnt der Arbeitgeber durch den Präventionstag oft einen Mitarbeiter, der zwar zeitlich versetzt oder langsamer, aber dennoch fokussiert und dankbar arbeitet. Die Loyalität, die durch solches Vertrauen entsteht, ist unbezahlbar.
Zudem sieht unser Reformvorschlag vor, dass Arbeitgeber nicht mehr zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verpflichtet sind. Die Krankenkassen zahlen bei Vorlage eines Attestes ein pauschales Abwesenheitsgeld, welches sich am Mindestlohn und der täglichen Arbeitszeit nach Arbeitszeitgesetz orientiert (15€/h * 8h = 120€). Es ist unverständlich, dass der Manager für das gleiche „Nichtstun“ das 50-fache an Geld bekommt, wie der Schichtarbeiter.
Warum das für Familien ein Gewinn ist: Durch die Einführung von Präventionstagen wäre ein deutlicher Zuwachs an Flexibilität erreicht, welche den Familien zu Gute kommt. Vor allem Mütter arbeiten in Teilzeit, da Sie nicht spontan ausfallen wollen. Irgendetwas ist immer: Die Betreuung ist nicht zuverlässig und auch Erkrankungen sind nicht planbar. Zudem ist die Beantragung von Kindkranktagen sehr aufwendig und wird daher wenig in Anspruch genommen. Durch die Präventionstage wäre eine vollzeitnahe Beschäftigung beider Elternteile schon im Kleinkindalter realisierbar.
Die übergeordnete Idee hinter dem Reformvorschlag ist: WIR WOLLEN EIN SYSTEM DAS GESUNDHEIT SCHÜTZT, ANSTATT KRANKHEIT BELOHNT!
Die Krankenkassen entwickeln sich weg von der Verwaltung von Krankheitskosten hin zu Gesundheitsvorsorgezentren. Sie kümmern sich um die Ausgestaltung der Apps in Kooperation mit den Arbeitgebern. An die Arbeitgeber (>15 Mitarbeitende) wird einmal im Jahr ein Vereinbarkeits- und Gesundheitsindex vergeben (Arbeitsplatz, DEI, Führungskultur, Arbeitskultur, Jobsharing). Der Index entscheidet darüber, wie hoch der Arbeitgeberanteil pro Mitarbeitenden ist, welcher in den Topf fließt für das Abwesenheitsgeld. Arbeitgeber, welche in eine gesunde Arbeitsumgebung investieren profitieren.
Die Einführung der Präventionstage kann nur der Anfang sein für eine Transformation des gesamten Gesundheitssystems!
Weitere notwendige Reformen:
- Keine Zweiklassengesellschaft mehr bei der Krankenversicherung!
- Teilkrankschreibung ermöglichen für einen Zeitraum von maximal sechs Wochen
- Steuern auf Zucker, Nikotin, Alkohol, Cannabis und Fleisch erhöhen. Steuern auf Bio-Grundnahrungsmittel reduzieren.